Imperium: Kalte Schauer ohne viele Effekte

Imperium © 2016 Atomic Features – Green-Light – Grindstone

„Imperium“ ist ein Film so notwendig wie unbequem. Anders als die meisten Beiträge auf den Fantasy Filmfest schockiert er nicht durch Übertreibung, sondern durch Realismus. Eine Rezension mit ein paar Don’ts für Autoren.

Man sieht es dem Blick von Daniel Radcliffe in vielen Szenen an, dieses Unwohlsein gepart mit der Überlegung: Ist das richtig, was ich hier tue? Und: Nein, es ist nicht richtig, aber es bleibt mir nichts anderes übrig.

„Imperium“ (USA, 2016) war kein Film, auf den ich mich gefreut habe, sondern einer, bei welchem ich dachte, dass man ihn wegen seiner Thematik auf jeden Fall sehen muss. Nate, verkörpert von Radcliffe, spielt darin einen FBI-Agenten, der sich undercover bei amerikanischen Rechtsradikalen, sogenannten White Supremacists, einschleicht, um ein mögliches Attentat mit einer schmutzigen Bombe zu verhindern.

Wichtig ist der Film, weil er einen kritischen Blick auf das Problem der Rechtsradikalen in den USA wirft, wie das vor ihm – eine unvermeidliche Referenz – auch schon „American History X“ (USA, 1998) getan hat. Außerdem thematisiert er eine Funktions- oder besser Organisationsweise von Terrorismus, welche zuerst in den „Turner Tagebüchern“ beschrieben wurde, die ihrerseits aus den Kreisen der White Supremacists hervorgegangen sind.

Geschrieben hat dieses glücklicherweise recht wenig bekannte rassistische und antisemitische Buch 1978 der Amerikaner William L. Pierce unter dem Pseudonym Andres Macdonald. Der in Deutschland wie in vielen Ländern der Welt verbotene Tagebuchroman schildert rückblickend aus dem Jahr 2099 den angeblich unvermeidlichen Rassenkrieg zwischen ‚Weißen‘ und allen anderen Menschen.

Rezeption der „Turner Tagebücher“ und des Oklahoma-Attentats in „Imperium“

Dieser Rassenkrieg wird in den „Turner Tagebüchern“ ins Rollen gebracht, indem die USA durch einen Terrorismus destabilisiert werden, welcher von kleinen finanziell, organisatorisch und was ihre Bewaffnung angeht unabhängigen, bis zum Selbstmordanschlag radikalisierten Terrorzellen verbreitet wird. Damit liefern sie – liege da nun ein Einfluss vor oder nur eine Scheinkorrelation – die Folie für einen Großteil des modernen Terrorismus‘.

Die Al-Qaida-Anschläge u. a. in den USA funktionierten auf diese Weise, und der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in Deutschland war bewusst nach dem Muster der „Turner Tagebücher“ modelliert – die grafische Correct!v-Reportage „Weisse Wölfe“ von David Schraven und Jan Feindt deckt das sehr anschaulich auf.

Was rechtsradikalen Terror in den USA angeht, scheint das Buch teils sogar überhaupt Ideengeber gewesen zu sein: So geht das FBI davon aus, dass die Attentäter, welche 1995 ein Regierungsgebäude in Oklahoma City zerstörtern, durch das Werk motiviert worden waren.

Das Gedankengut in und hinter den „Turner Tagebüchern“ und die Organisationsform der Oklahoma-Bomber bilden nun das Fundament für die Geschichte, die folglich weniger auf Einzelereignissen beruht. Was auf diesem Fundament errichtet wird, stützt sich viel mehr auf den gesammelten Erfahrungen von Ex-FBI-Agent Michael German, welcher, wie Clarisse Laughrey im Independent berichtet, nicht nur einen Story-Credit besitzt, sondern auch am Drehbuch mitwirkte. Letzteres stammt überwiegend aus der Feder von Regisseur Daniel Ragussis.

Die Erwartungen an „Imperium“

Wenn man sich Beschreibung und Trailer zum Film ansieht, vermutet man zunächst Schlimmes. Daniel Radcliffe infiltriert also eine White Supremacist-Gruppe mit dem Ziel herauszufinden, ob diese im Besitz einer verschwundenen Ladung Caesium-137 sind und planen, daraus eine schmutzige Bombe zu bauen.

Der Trailer baut unter anderem dadurch Spannung auf, dass er einen Dialog über die Gefahr von Maulwürfen innerhalb der Organisation wiedergibt. Nate sitzt da gerade links auf dem Fahrersitz. Sein Gesprächspartner sitzt rechts neben ihm:

„It’s just like they say on these rallies: Look to the left. Look to the right. One of these people is a snitch. … It’s the left.“

Schnitt. Da Untercover-Agent Nate bei diesen Worten mit festem Blick fixiert wird, nimmt man als Zuschauer zwei Dinge an:

  • Auf Grund der Lage, in welcher sich ein Undercover-Agent prinzipiell befindet, wissen wir, dass enttarnt zu werden die größte Gefahrt darstellt. Und auf Grund dessen, was wir über derartige Geschichten wissen, fällt zwangsläufig irgendwann der Verdacht auf den Protagonisten.
  • Auf Grund unserer Erfahrungen mit den Erzählmustern des Hollywood-Kinos wissen wir außerdem, dass Geschichten mit einer Prämisse in der Art von „Imperium“ gerne in einem Einer-gegen-alle-Showdown enden, in welchem der Protagonist auf sich allein gestellt sein Leben gegen eine Übermacht verteidigen muss.

Wir kennen ja diese Geschichten. Sie werden so häufig erzählt, dass es sich erübrigt, Beispiele zu nennen. Oft genug ist die Hauptfigur in solchen Filmen dann auch noch ein Ex-Cop. Ich sage es Euch: Einen Film mit einem Ex-Cop als Protagonisten sehe ich mir schon gar nicht mehr an.

Jeder/m Autor*in kann nur dringend empfohlen werden, solche Klischees zu vermeiden. Abgesehen davon, dass man sowieso nicht weiß, welchem Zweck sie dienen sollen, kann aus ihnen nur noch unter der Bedingung etwas herausgeholt werden, dass man so ziemlich alle anderen Parameter der Geschichte ändert, um der Handlung eine Chance auf ein gewisses Maß an Spannung und Orginalität zu geben.

Die Handlung von „Imperium“

Dieser Abschnitt enthält Spoiler.

Zum Glück tritt „Imperium“ in keine dieser Fallen. Es ist nicht das Beste an dem Film, aber sehr wohl das, was am meisten beruhigt: Der Einheitsbrei bleibt uns erspart.

Stattdessen bebachten wir, wie das Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit an Nate frisst. Als kleines Rädchen im System versucht er islamistische Terroristen zu entlarven, doch sind die Fälle, an welchen er arbeitet, bedeutungslos, was ihn frustriert. Er möchte mit seiner Arbeit etwas erreichen – ein Ehrgeiz, weswegen er sich gegen alle Empfehlungen auf den Undercover-Job einlässt.

Der Umgang mit den Rassisten jedoch wirft ihn, den Idealisten, von einer unerträglichen Situation in die nächste. Nicht nur befürchtet er selbstverständlich jeder Zeit seine Entdeckung. Er muss auch dauern seine Ideale mit Füßen treten, während er seine Rolle spielt – sei es, wenn Migranten beschimpft oder wenn an einer Nazi-Demonstration teilgenommen wird.

Mit zwei Fragen kämpft er: Ist das Ziel, das ich erreichen möchte, diesen Weg wert? Erreiche ich überhaupt irgendein Ziel. Das ist – wie hoffentlich auch in der Realität – das Hauptproblem: Die ganzen Nazi-Aktivisten sind in Wirklichkeit nur Schwätzer. Sie bellen nur, und wenn einer fragt, warum sie nichts tun, bellen sie noch ein bisschen mehr.

Das ganze Risiko hat Nate also umsonst auf sich genommen. All sein Material erweist sich als nutzlos. Auch das ist realistisch. Jetzt muss natürlich noch der Kino-taugliche Schluss kommen, damit wir als Zuschauer wenigstens noch mit einem Happy End entlassen werden:

Als er schon aufgegeben hat, erkennt Nate in der unwahrscheinlichsten Person doch noch denjenigen, der im Besitz des Caesium-137 ist, und kann den Bombenanschlag verhindern (noch mal zum Glück geschieht das nicht in aller-allerletzter Sekunde – auch hier wird also ein Klischee vermieden).

Die Wirkungsmuster von „Imperium“

Dieser Abschnitt enthält Spoiler.

„Imperium“ braucht keinen Action-Showdown. Er braucht keine atemberaubende Spannung, während wir hoffen, dass der Held lebend davon kommt. „Imperium“ kommt erfrischenderweise fast gänzlich ohne die Effekte aus, welche das moderne Hollywood-Kino einsetzt, um uns zu unterhalten – und dabei langweilt.

„Imperium“ hüllt uns in eine Decke aus Frustration und lässt uns dann auf ganz einfache Weise einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken laufen. Es sind dieselben kalten Schauer, die ich auch empfinde, wenn ich oben über die „Turner Tagebücher“ geschrieben habe: Sie werden ausgelöst vom Ekel vor diese Ideologie, vom Ekel vor dieser menschenverachtenden, weil rassistischen Haltung, vom Ekel vor dieser offensichtlichen Dummheit.

Wobei das Gefährlichste ja ist, dass gar nicht alle (gezeigten) Faschisten dumm sind. Als den gesuchten Attentäter identifiziert Nate nämlich am Ende genau den kultiviertesten und gebildetsten, den scheinbar gutmütigsten und empathischsten unter allen. Und das ist ein Mann, der bereit ist, sein Leben dafür hinzugeben, seinen Kindern eine sichere, ‚weiße‘ Zukunft zu geben.

Da steckt einem „Imperium“ den Finger in den Hals. Und er macht das auch mit all seinen Nazi-Symbolen, mit all den Hitler-Grüßen, mit den Hetzreden, mit der Androhung von Gewalt gegen andere, mit all diesem Gerede vom Rassenkrieg, mit den Zimmern voller Hakenkreuzen und Hitler-Porträts. Am Ende des Filmes möchte man schreien und all diesen Mist in die Tonne klopfen. Dieses ekelhafte, würgende Gefühl wird man gar nicht mehr los.

Nein, „Imperium“ ist kein Film, der Spaß macht. Aber es ist ein wichtiger Film. Es ist ein Film, der ohne große Effekte auskommt und uns einfach einen Ausschnitt aus der Realität zeigt, welchen wir normalerweise nicht zu Gesicht bekommen. Er macht das erzählerisch sehr gut. Und er lässt uns trotz Nates Erfolges zurück mit dem frustrierenden Bewusstsein, dass er nur ein kleines Steinchen aus dem Spiel genommen hat, dass die Zahl der wirklichen Faschisten, welche man mit nichts erreichen und eines Besseren belehren kann, legion ist.

Lediglich einen beruhigenden Aspekt gibt uns „Imperium“ am Ende noch mit, als uns Nates Vorgesetzte erklärt, was die wichtigste Zutat ist, um aus einem Menschen einen Faschisten zu machen: Der Umstand, dass er sich in einer Opferrolle befindet.

Das ist gut, denn es zeigt uns, dass diese ungerechten starken Maxen in Wirklichkeit sehr schwach sind, und es zeigt uns, was man gegen sie tun kann: Man kann eine gerechtere Gesellschaft bauen.

Verwendetes Bild: © 2016 Atomic Features – Green-Light – Grindstone

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