Selbstmorde nicht verschweigen – aber richtig darüber reden

Spenden Lebensfreude nicht nur für Tierliebhaber: süße Mäuse © 2016 Alexas Fotos/pixabay.com | prepon.de

Berichterstattung über Suizid ist nie ganz unproblematisch, denn manchmal kann sie Unentschlossene erst zum Selbstmord bewegen. In anderen Fällen bewegt ein solcher Artikel auch die Leser, etwas gegen die Ursachen zu tun. Wie im Fall eines Textes aus dem Tagesspiegel.

Der sogenannte Werther-Effekt beschreibt die Wirkung von Veröffentlichungen über das Thema Selbstmord, seit Goethes berühmtem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Studien belegen, dass eine falsche Berichterstattung über einen Suizid in der Folgezeit die Zahl der Suizide erhöht. Ähnliches kann auch bei Gewalttaten wie Amokläufen der Fall sein.

Erhöht wird diese Wirkung durch eine detailreiche und effekthascherische Berichterstattung, weil diese die Aufmerksamkeit für den Sachverhalt erhöht – während mangelnde Aufmerksamkeit und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, gerade Ursachen für Verzweiflungstaten sind. Der Deutsche Pressekodex geht in zweierlei Hinsicht gegen eine fehlgeleitete Berichterstattung vor: Er verbietet einerseits in Ziffer 11 die reißerische Berichterstattung über jedwede Art von „Gewalt, Brutalität und Leid“.

Andererseits untersagt er in Ziffer 8.7 das Schreiben über Selbstmord unter Angabe der Begleitumstände. Das kann natürlich auch das Darlegen der Motive für einen Suizid betreffen. Wie leicht zu erahnen ist, sind hier vor allem einseitige Beschreibungen und monokausale Erklärungen problematisch, weil diese Nachahmer*innen den falschen Eindruck verschaffen könnten, sie selbst hätten ‚Grund genug‘.

Berichterstattung über Selbstmord im Berliner Tagesspiegel

Der Text, auf welchen ich hier verweisen möchte, ist dagegen ein sehr lesenswertes Beispiel. Es handelt sich um die Reportage „Nur eine Person gegen die ‚gottverdammte Einsamkeit‘“ von Lena Niethammer (erschienen erstmals am 29.10.2016 in der Beilage „Mehr Berlin“, wiederveröffentlicht am 27.11.2016). Das liegt vor allem daran, dass er alles dafür tut, anstelle des Werther-Effektes, den sogenannten Papageno-Effekt zu erzielen.

Benannt nach jener, ihre eigenen Selbstmord-Gedanken überwindenden Hauptfigur aus Mozarts „Zauberflöte“ wird bei diesem Effekt die Aufmerksamkeit der Betroffenen nicht auf scheinbare Gründe für den Suizid und auf mögliche Methoden, sondern auf die Vielseitigkeit ihrer Lebenssituation, welche stets auch Anlass zur Hoffnung gibt, sowie auf Auswege aus der gar nicht so ausweglosen Situation lenkt.

Lena Niethammer erreicht dies – obwohl die Geschichte von Dose, wie der Betroffene mit Spitznamen hieß, nicht gut endete –, indem sie das, was in Doses Leben immer positiv war, seiner negativen Selbstwahrnehmung gegenüberstellt. Dose liebte Tiere. Und so zeigt die Autorin den Mittvierziger in seiner Tierliebe, während sie uns behutsam die emotionale Lage des Betroffenen begreifbar macht. Durch diesen Gegensatz demonstriert sie, dass es immer etwas Gutes und dass es immer auch Hoffnung gibt, selbst wenn der oder die Betroffene dies nicht sieht. Lena Niethammer zeigt dabei auch, wie sie als Gesprächspartnerin von Dose seine kleine Hoffnung nährte und wie diese gedieh.

Indem sie des Weiteren die näheren Umstände des Todes ganz im Sinne des Pressekodex‘ außen vor lässt, und stattdessen ihren Artikel mit der Beobachtung einer süßen, kleinen Maus schließt, welche Dose, dem Tierliebhaber, mit Sicherheit Freude gemacht hätte, auch wenn er sie nun nicht mehr erleben kann, behält sie bis zum Schluss den positiven Ton bei.

Durch diesen Tonfall gelingt es ihr, mir als Leser den Impuls zu geben, noch mehr auf entsprechende Signale und Hilferufe von Mitmenschen zu achten und diesen zu helfen, damit beispielsweise niemand so einsam oder hilflos sein muss. Und hoffentlich gelingt es ihr auch, den Verzweifelten den Impuls zu geben, zu erkennen, dass das Leben niemals tatsächlich hoffnungslos ist.

Hilfe statt Selbstmord

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass der Artikel auch zeigt, dass der häufig unter solchen Texten angegebene Rat absolut richtig ist: „Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber“ – wie hier mal beispielhaft aus Spiegel online zitiert werden soll, der auch eine Informationssammlung mit Anlaufstellen zur Verfügung stellen.

Ohne seine Kontaktsuche hätte Dose die kleine Pflanze seiner Hoffnung nämlich niemals wachsen sehen.

Lesen Sie Lena Niethammers Text. Und helfen Sie anderen Menschen, dass es ihnen nicht ebenso ergeht wie Dose.

Verwendetes Bild: © 2016 Alexas Fotos | pixabay.com.

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